Samstag, 2. November 2013

Schon wieder Lehrgeld!

 Puh, war das ein Tag! Ich erinnere mich schon gar nicht mehr an den Morgen - wo bin ich eigentlich losgefahren? Und wie hat das Hotel ausgesehen? Zum Glück hab ich mir unterwegs ein paar Notizen gemacht, so werdet Ihr doch das Meiste noch erfahren.

Anscheinend habe ich diesmal ein "vernünftiges" Hotel erwischt. Auf jeden Fall sieht man außer mir auch noch andere Gäste - und nicht wenige davon sprechen deutsch. Am Morgen bekomme ich von einem deutschen Renterpärchen, das auf zeitloser Weltumsegelung unterwegs sind, noch eine Adresse von einem Deutschen in Carthagena (Columbien) - man kann ja nie wissen. Die beiden schauen sich heute in Antigua das Drachenfest an, weswegen die ganze Stadt in Aufruhr ist. Ich muß weiter, bis Panama sind es noch ca. 2000 km, etliche Grenzübergänge und die Lisl soll am 14. November früh verladen werden - da müssen wir noch ordentlich Gas geben.
Ich bitte die Damen an der Rezeption, das Tor wieder zu öffnen, aber sie behaupten das ginge nicht. Erst als ich erkläre, daß ich nur so gestern auch hereingekommen bin, treten sie in Aktion. Es wird lange gesucht und telefoniert - das Tor öffnet sich just-in-time! Aber bis dahin dauert es eine ganze Zeit, weil - ja weil die Lisl schon wieder nicht will. Sie stand zwar unterm Dach, aber die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch. Anscheinend hat so eine Wiederbelebung nach dem Ertrinkungstod doch noch langwierigere Folgen. Das zeigt sie mir auch während der Fahrt; solidarisch mit mir hustet sie ab und zu - wie bei einem alten Ehepaar. Ein Zeichen, daß sie noch sehr feuchtigkeitsempfindlich ist. Da muß ich heute abend nochmal eine Nachbehandlung starten. Ich nehme mir vor, rechtzeitig Schluß zu machen, damit ich die Lisl noch ein wenig pflegen kann.

Wir müssen noch an Guatemala Stadt vorbei, oder besser gesagt, durch. Trotz fehlendem Navi klappt das auf der Autobahn erstaunlich gut. Nur ein einziges Mal habe ich mich ferfranzt, hab's zwar sofort gemerkt, mußte aber ziemlich weit zurückfahren, bis ich wieder wenden konnte. Die ersten 100 km heute sind Autobahn mit mittlerem Verkehr, da kommen wir recht gut voran. Irgendwann kapiere ich auch, daß die Mopedfahrer mit der roten Warnweste und einer Nummer auf dem Rücken nicht zu dem selben Club gehören, sondern daß die Weste hier anscheinend Vorschrift und die Nummer das Kennzeichen vom Moped ist!

Irgendwann ist Schluß mit Autobahn. Ohne Vorwarnung. Und natürlich mitten in der Kurve während neben mir ein dicker Bus fährt. Und natürlich beginnt die einspurige Strecke mit einem riesigen Schlagloch! Es wechselt noch ein paarmal zwischen ein- und zweispurig, aber die Verhältnisse sind immer gleich. Und irgendwann auf einspuriger Strecke - Stau. Gefühlte 20 km lang. Irgendwann fange ich auch an, mich vorzudrängeln. Der Gegenverkehr kommt immer stoßweise, da kann ich zwischendrin mal überholen. Bestimmt habe ich auf diese Art über 1 Stunde gut gemacht! Und was war der Grund? Die nächste Ortschaft - Barberena - hat ihre Schatten wahrlich vorausgeworfen. Auf der einzigen Kreuzung im Ort steht ein einzelner Polizist und pfeift sich die Lunge aus dem Hals - der ist an allem schuld!
Einen Vorteil hat der Stau, ich kann von den herrlichen Bussen noch ein paar fotografieren. Die sind wirklich prächtig! Die meisten Busse haben einfach nur tolle Farben und ein wenig Schmuck an der Front. Am schönsten sind aber die blauen - da gibt es welche, die haben irre viel Chrom dran und jede Menge Lichterzeugs - sieht echt imposant aus. Und die Hupen! Wenn Du nebendran stehst, wenn sie loslegen, dann fliegt Dir das Trommelfell weg. Und die hupen oft. Übrigens war das mit der Christbaumbeleuchtung auch schon in Mexiko wichtig - viele Fahrzeuge haben z.B. zusätzliche Leuchten, die beim Bremsen polizeiblau blinken. Das sieht immer sehr gefährlich aus und verfehlt seine Wirkung sicher nicht.
An den Anblick von Schußwaffen habe ich mich ja mittlerweile gewöhnt. An jeder Behörde oder Bank stehen bewaffnete Sicherheitsleute. Aber an einer Tankstelle war mir das bisher neu. Zum Glück verwendet der Mann sein Gewehr nur als Luftgitarre zu den Klängen aus dem Radio.
Auf einer Brücke über eine interessante Schlucht halte ich an um zu fotografieren. Die Freiheit nehm ich mir einfach. Aber plötzlich spüre ich ein Schwingen der ganzen Brücke, dabei ist nur ein kleiner Laster drübergefahren. Das ist schon ein seltsames, ein wenig unheimliches Gefühl!

Kaum dem Stau entkommen, wird schon die Grenze zu El Salvador angekündigt! Da bin ich sehr überrascht, ich habe gedacht, ich brauche noch einen Tag. Die Autobahn ist anscheinend doch nicht ganz so kurvig wie meine Strecke gestern. Und außerdem ordentlich schnell befahrbar, da hab ich mich ganz schön verschätzt. Ich bin wieder mal nicht richtig vorbereitet.
Immerhin habe ich gestern noch gelernt, daß El Salvador keine eigene Währung mehr hat, sondern US-Dollar verwendet. Den Wechselkurs von Qutzales in Euro und Euro in Dollar habe ich im Kopf, also kann ich den Kurs ausrechnen. Für 100 Qutzales müßte ich 12 Dollar bekommen (laut Währunsrechner sind es 12,5). Die Grenze ist hier nicht so wahnsinnig verstopft wie bei der Einreise, als ich anrolle stürmen mir schon 2-3 Geldwechsler von links entgegen. Von rechts drückt mir einer eine "Registrierungsmarke" in die Hand, die nehmen ich aber nicht an. Er will vermutlich seine Dienste beim Grenzübertritt damit anbieten, aber ich trau mir die Formalitäten selbst zu. Ein Geldwechsler bietet mir einen sletsamen Kurs von 76 (?) an! Als ich nicht akzeptiere fragt er mich nach meinen Wünschen - 12 $ für 100 Quetzales. Seltsamerweise akzeptiert er sofort. BBin nur nicht hellhörig genug geworden. Mittlerweile scharen sich mindestens 5 oder noch mehr Männer um uns und quasseln durcheinander. Sie wollen wissen, wieviel Geld ich wechseln will - wir zählen gemeinsam mein Geld: 1174 Quetzales. Mir wird ein Taschenrechner unter die Nase gehalten, die beiden Zahlen werden eingegeben - es kommt 96 $ heraus. Irgendwas war da falsch. Mein Geld ist schon in den Händen des Wechslers verschwunden. Es wird erneut gerechnet - wieder kommt 96 heraus. Ich hab den Überblick verloren - noch mehr Hilfsangebote. Ok 96 (erst viel später fällt mir auf, daß sie mich da um über 40 $ betrogen haben. Ich zähle das Geld nach, das ich bekomme. Es fehlen 10 $, was der rechts von mir Stehende genau in dem Moment anmerkt, als ich es feststelle. Der andere Typ rückt noch einen Zehner heraus. Ich stecke alles ein - nur weg hier. 100 m weiter sind die offiziellen Gebäude. Ich werde von einem freundlichen englisch sprechenden Herrn in eine Spur gewunken. Er will eine Menge Kopien von mir haben - noch ein "Helfer"? Als ich absteige, bemerke ich, daß mein Foto fehlt!!! Der war im Tankrucksack in der rechten Seitentasche - zugegebenermaßen in der offenen Tasche (der Reißverschluß ist kaputt) und das lädt sicher zum Klauen ein. Ich fluche laut und schimpfe über die bösen Menschen hier. Schnell Das Navi und die Helmkamera im Tankrucksack versteckt, den vom Moped abgenommen, Zündschlüssel abziehen und dann laufe ich zurück zu den Geldwechslern. "Meine" sind nicht mehr da!! Die anderen sind natürlich alle unschuldig und wissen von nichts. Der Unschuldigsten von allen ("Schau in mein Gesicht! Sieht das nicht unschuldig aus?") möchte sich nicht beschimpfen lassen. Er fragt mich beiläufig, was ich für die Kamera bezahlt hätte - aha, der will also sicher einen anteiligen "Finderlohn". Ein anderer fragt, ob er sich auf die Suche machen soll? Natürlich!!! Mittlerweile ist auch der englischsprachige Herr eingetroffen und versucht zu helfen. Wenn ich meine Kamera wiederbekomme, ist alles in Ordnung. Ansonsten gehe ich zur Polizei! Auf einmal taucht jemand mit meinem Foto in der Hand auf und fragt arglos, ob das mein Foto wäre??? Diebe!!! Pfui! Aber ich verlasse sie mit der Bemerkung, daß für mich jetzt alles wieder in Ordnung wäre. Der englischsprechende Herr erwartet natürlich eine Belohnung, indem er mir bei den Zollformalitäten hilft. Ich höre jetzt einfach weg und ignoriere ihn unhöflich. Bei der Einwanderungsbehörde und beim Zoll bekomme ich alles super einfach hin! Die sind sehr freundlich, genau und schnell! Dem Mädel am Zoll erzähle ich von dem Diebstanl, sie bietet an, die Lisl direkt vor ihrem Büro zu parken und bedauert zum Schluß noch, daß hier so schlimme Leute unterwegs sind. Ob ich gesehen hätte, wer es war? Das war kein netter Äbschied!

Nach El Salvador geht es über die Brücke. Beamte lassen die Fahrzeuge nur einzeln bzw. schubweise durch und obwohl ich mich vordrängle muß ich lange warten. Dafür ist der Beamte sehr freundlich und jovial. Auf der anderen Seite ist es ziemlich einfach. Der Paß wird nur kontrolliert, kein Einreisestempel. Der Ausreisestempel von Gautemala gilt auch als Einreisestempel. Dann bitte rechts parken und ein Zollformular für die Lisl ausfüllen. Ich habe bestimmt die Hälfte vergessen - damit schlägt sich der Beamte jetzt herum, indem er versucht alle Daten aus dem deutschen Fahrzeugschein herauszulesen. Aber er ist freundlich und hilfsbereit. Zusammen bekommen wir alles hin. Jetzt brauche ich noch ein "Pickerl" auf dem Schein. Dazu muß ich ins Zollbüro ein paar Meter weiter. Man wird nur einzeln vorgelassen, aber ich muß noch keine Minute warten. Drin ist es angenehm kühl. Der Zollbeamte sieht meinem Diplomarbeitsbetreuer extrem ähnlich. Ansonsten ist er fleißig und freundlich - er versucht sogar, in englisch mit mir zu kommunizieren; dabei tut er sich genauso schwer, wie ich mit spanisch. Aber der Computer! Der ist echt a...langsam! Auch mein Streicheln hilft da nix. Ich glaube, er stürzt sogar 2 mal ab. Die Temperatur ist angenehm, keine Menschentrauben vor oder hinter mir, nur der freundliche Herr - und so geben wir dem System halt die Zeit, die es braucht. Das sind gefühlte 2 Stunden! Ich hab ja nicht genau aufgepaßt, aber insgesamt hat der Grenzübertritt auch nur etwa 2 Stunden gedauert - und das ohne Helfer! Kopien habe ich nur in Es Salvador gebaucht, nicht in Guatemala. Und gekostet hat es diesmal überhaupt nichts! Also echt, bis jetzt hab ich nur freundliche, hilfsbereite und korrekte Beamte kennengelernt. Sind ja auch nur Menschen, die ihren Job tun!

Ich muß den Diebstahl und Betrug noch verdauen. Aber irgendwann bemerke ich den Unterschied zu Guatemala: Dieselruß und Gestank sind noch viel schlimmer geworden, die Luft ist voller Staub und Sand, die Augen brennen und der Verkehr ist schrecklich. So dicht. Kaum hast Du auf einer 3-spurigen Straße 4 nebeneinander her schleichende Dieselstinker hinter Dir gelassen, sind schon die nächsten vor Dir. Es gibt kein "vorn"! Die Fahrerei ist total anstrengend und macht keinen Spaß. Es gibt auch nicht wirklich "Landschaft". Wir hangeln uns von Stadt zu Stadt - oft mitten durch. Und mitten durch heißt - inklusive aller Bushaltestellen, Marktstände, Einbahnstraßen usw. - eben mitten durch! Es gibt nur Geschäfte, Tankstellen und Industrie. Kein Hotel weit und breit zu sehen! Auf einmal bin ich schon in San Salvador - zumindest am Stadtrand.

Da läuft mir doch ein Burger King über den Weg - nix wie rein und in's Internet geschaut. Ich finde eine preiswerte Herberge in 11 km Entfernung. Alles genau aufschreiben und den Zielpunkt im Handy markieren. Ich hab da zum Glück so eine App, die Karten offline vorhält. Allerdings kann die halt nicht navigieren - aber wenn ich sehe wo ich bin, hilft das schon immens! PPlötzlich ist es schon nch 5 Uhr! Und ich wollte doch spätestens um 4 Uhr ein Hotel haben?! Ich komme mit der Handy-Navigation ziemlich gut in die Nähe des Hotels - allerdings im ständigen Stau. ABer irgendwann muß ich mich mal links halten und das geht mal wieder nicht. Entweder Einbahnstraße oder gesperrt oder Autobahn ohne Ausfahrt!!! Als ich fast aus der Stadt draußen bin, frage ich einfach mal einen Polizisten. Irgendwie auf der anderen Seite ein Stück in die Stadt hinein soll etwas sein - ok. Es dauert lange bis ich wenden kann und fast hätte ich die Ausfahrt wieder übersehen, denn es ist jetzt stockfinster und ich stehe eingekeilt zwischen hausgroßen LKW und Bussen. Dort wo es in die Stadt gehen soll ist Markt, kaum ein Durchkommen. Und als die Straße wieder mal abbiegt, weil gradeaus gesperrt ist, frage ich den nächsten Polizisten. Ja, ich soll einfach grade aus rein fahren. Wie das Hotel heißt oder wie es aussieht verstehe ich nicht - da schnappt er kurzerhand sein Dienstfahrrad und fährt voraus. Ist doch klasse, so ein Polizeiführer! Das "Hotel" hätte ich nie gefunden. Es steht nichts dran, der Innenhof ist mit ein paar Stofffetzen zugehängt. 6 $ soll es kosten. Heut ist mir alles vollends egal. Nehm ich. Die Lisl steht im Innenhof - angeblich sicher. Na ich weiß nicht... Als ich grade mein Gepäck ablader und der junge Rezeptionist mir die Fernsehfernbedienung und 2 Beutel Trinkwasser überreicht, kommt der freundliche Polizist mit seinem Partner nochmal vorbei umd zu schauen ob alles in Ordnung ist. Ich bin zufrieden. Was sie nun besprechen verstehe ich nicht, aber ich gehe davon aus, daß der junge Mann den polizeilichen Auftrag bekommt, auf mein Moped aufzupassen.

Das Zimmer ist ein gefließtes fensterloses Loch, in das gerade mal ein Bett reinpaßt. Im Bad stinkt es und aus der Dusche kommt einfach EIN Wasserstrahl. Eigentlich ist es eine Zelle, nur der Riegel ist auf der falschen Seite. Internet gibt es sebstverständlich nicht, das stört mich jetzt weniger, aber es gibt nichtmal eine Steckdose für mein Laptop! Aber mal ehrlich - was wäre beim Campen anders??? Ich habe ein Laken bekommen, das ich lieber auf das Bett lege, zudecken werde ich mich mit einem Handtuch. Es ist wahnsinnig schwül, so wie ich das bischen Wasser trinke, so schwitze ich es sofort wieder raus - zum Glück gibt es wenigstens einen Ventilator. Na, das wird eine Nacht...
Leider muß die Lisl jetzt noch einen Tag mit der versprochenen Nachbehandlung warten. Heute wird das nix mehr, und morgen früh möchte ich das hier nicht unbedingt machen.

Die Meisten haben sicher schon herausbekommen, daß man hier meine Tagesroute sehen kann. Aber in Blick auf das Höhenprofil dazu kann auch manchmal ganz spannend sein.
http://www.gpsies.com/map.do?fileId=ffoqhhrrmhyonenj

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