Freitag, 27. Dezember 2013

Die "innere" Reise: philosophieren

Ausschlafen. Gemütlich aufstehen. Rumtrödeln. Frühstücken. Und dann doch Abschied nehmen. Auch wenn man sich nur 2 Tage lang gelegentlich sieht, wächst man doch ein wenig zusammen - es wird ein herzlicher Abschied. Nach chilenischer Zeit ist es jetzt schon halb elf! Und es ist warm - 28 Grad.

Von Arica aus führt die Straße ein Stück im Landesinneren nach Süden, um dann in Iquiqe wieder an die Küste zurückzukommen. Gestern Nacht habe ich mir noch meine kommende Route näher angeschaut und beschlossen, so weit wie möglich in Chile zu bleiben, aber dabei auf den Hauptstraßen zu bleiben. Mein Bedarf an Schlechtwegeabenteuern ist gedeckt. Aud die Landschaft, die mich erwartet bin ich nicht eingestellt, obwohl mir Edgar gestern noch gesagt hat, daß hier alles Wüste sei. Chile ist doch das Land der Gletscher und Berge?! Aber es ist so. Die Wüste gefällt mir - sie ist viel schöner als in Peru und vor allem nicht vermüllt. Außerdem ist sie wirklich einsam. Keine versteckten Hütten. Irgendwo stehen mal ein paar "Kunstwerke" herum und dann weist ein Schild auf "Geoglyphen" hin. Eigentlich ist nichts zu sehen. Ob damit die Linien im Gelände gemeint sind? Mit viel Phantasie kann man ein paar Figuren erkennen, aber die könnten auch neueren Datums sein. Oder es sind einfach nur Auswaschungen im Sandstein. Es wird nichts erklärt, kein abgesperrtes Gebiet, kein Pfad, keine weiteren Hinweise.


Die Landschaft verlangt mir kein oooh und aaah ab. Aber sie wirkt! Intnesiv. Auf meine Gedanken. Die sind heute sehr philosophisch. Das Gespräch mit Eugen gestern hat irgendetwas ausgelöst...

Es gibt Menschen, die haben besondere Talente, sind überaus intelligent oder haben einfach mehr Glück oder Erfolg z.B. im Beruf. Wir "normalen" Menschen beneiden sie oft darum. Dann gibt es aber von diesen Menschen einige, die diese Gaben, die sie mit auf den Weg bekommen haben, nicht nutzen. Sie brach liegen lassen oder verschenken. Die sie vergeuden, in unseren Augen. Warum tun sie das? Sind sie undankbar?
Das Sonderbare ist, daß wir "normalen" Menschen oft ein Leben lang genau diesen Dingen nachlaufen, die andere einfach so haben. Neid? Und oft sind wir dann immer noch unzufrieden, wenn wir unser Ziel erreicht haben - es ist uninteressant geworden, wir brauchen neue Ziele. Vielleicht haben ja diese super-intelligenten Menschen das schon lange erkannt und sich daher ganz andere Ziele gesetzt, die wir erst sehr viel spater entdecken?
Aber was brauchen wir eigentlich wirklich zum oder im Leben? Ja sicher, Essen, Trinken und einen warmen Platz zum Schlafen. Das braucht der Körper zum Übeleben. Aber als Mensch können wir davon alleine nicht leben. Wir brauchen vor allem Gesundheit und Stärke für den Körper aber für den Geist brauchen wir menschliche Wärme, Freunde, Liebe. Vielleicht ist der Sinn des Lebens ja, genau diese Zuwendung anderen Menschen zu geben? Damit sie auch glücklich werden können. Ich habe auf dieser Reise viele neue Leute kennengelernt und einige davon haben mich echt be-rührt. Dabei ist es gleichgültig, ob man gemeinsam gegen Gefahren gekämpft, einen Sonnenuntergang genossen oder ein gutes Gespräch geführt hat.

Eine Argumentationskette von Eugen ist, daß der Körper und alle seine Funktionen in der DNS verankert sind und das gleiche für die Psyche gilt. D.h. es gibt irgendwo für jeden Menschen eine festgelegte Psyche. Es ist ja ziemlich offensichtlich, daß man seinen Lebensweg an seine körperlichen Möglich- und Fähigkeiten ausrichtet, was aber ist mit den psychischen Möglichkeiten? Kennt man die überhaupt? und woran merkt man, daß der Lebensweg nicht mehr paßt? Und vor allem, was kann man dagegen tun? Ich möchte Eugen noch sooo viele Fragen stellen. Ich frage mich selbst, ob mir mein Beruf noch Spaß macht - so aus der Ferne betrachtet. Warum habe ich genau diesen Beruf ergriffen? Weil ich wissen wollte, wie etwas funktioniert. Weil ich selbst etwas zum funktioniern bringen wollte. Ich glaube, davon habe ich mich zu weit entfernt. Was also würde ich jetzt tun wollen, wenn ich neu wählen könnte?

Ich glaube nicht, daß mich diese Reise zum besseren Menschen macht. Ich werde vermutlich nach Hause zurückkehren und in den alten Trott zurückverfallen. Aber vielleicht bin ich ja doch ein klein wenig klüger geworden? Man wird sehen...


An der Abzweigung nach Iquique erhasche ich einen Blick auf eine historische Mine (Humberstone). Es ist geschlossen. Erinnert mich stark an die Freiland-Minenmuseen in Nordamerika. In Iquique versagt mein Navi, es gibt nur 2 Straßen, die weiterführen. Beide sind gesperrt. Hilflos irre ich herum, bis ich an der Ampel einen Autofahrer nach dem Weg frage. Klasse, er fährt in meine Richtung und nimmt mich unter seine Fittiche. Von der Hochebene führt eine Autobahn entlang der Wüstenberge hinunter ans Meer. Hier liegt die eigentliche Stadt - schön, mit Uferpromenade, herrlichem Strand, luxuriösen Hotels und einer sauberen Stadt. Das schönste ist aber der Blick vom höheren Teil der Autobahn auf die Stadt hinunter! Hinter der Stadt, also zwischen Stadt und Autobahn ragt eine wahnsinnig große Sanddüne! Mit einer scharfen Dünenkante, die gegen das Meer phantastsich aussieht. Sie ist um vieles höher als die Hochhäuser der Stadt. Wahnsinn! Leider keine Chance zum fotografieren...

Als ich meinen heutigen Schlafplatz - frei am Strand - gefunden habe (Chile ist vergleichsweise ziemlich teuer), muß ich als erstes aus den Stiefeln raus. Die Füße kochen und die Beine jucken - die Moskitos haben mich die letzten 2 Tage ordentlich zerbissen!  Die Beine in's kühle Meerwasser stellen und abreiben - ach, das tut gut! Dann wird ein geeigneter Sandplatz von Steinen und Scherben befreit und das Zelt aufgestellt - das Innenzelt muß heute reichen. Ja was sehe ich denn da? Beide Eingänge haben Löcher im Moskitonetz - das ist nicht gut. Textilkleber und Stofffetzen müßen Löcher und Laufmaschen stoppen.

Jetzt sitze ich am Suferstrand - mittlerweile ganz alleine. Zelten am Strand!!! Die Badegäste sind alle nach Hause gegangen. Die Sonne steht schon tief und wirft ein rotes Licht auf die Hochhäuser von Iquiqe auf der anderen Seite der Bucht.
Ein frischer Wind bläst, mit dem vor allem das Zelt zu kämpfen hat. Ich habe es außer mit Häringen am Boden, noch mit einem Gurt an der Lisl angebunden und ordentlich beschwert. Meine Haare sind mittlerweile so lang, daß auch sie im Wind flattern - da muß ich auf die Richtung achten, sonst sehe ich nichts mehr! Ich hoffe, daß der Wind bei Sonnenuntergang nachläßt.

http://www.gpsies.com/map.do?fileId=zdwschczgreojscx

Kommentare:

  1. Was ich bis jetzt von Chile gesehen habe, sieht echt gut aus. Jetzt weiss ich warum "unser Erich" (Honecker ) dahingezogen ist zu seiner Margot !!!!!!!!! LG. claudi

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  2. Hallo Susanne, sehr interessant! - Vorigen Freitag hatte ich auch meinen "Philosophischen": Wie wollen wir leben? http://www1.wdr.de/radio/podcasts/wdr5/dasphilosophischeradio100.html
    Viele Grüße aus Berlin, guten Rutsch - und let the road be clear!
    Frank

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